Zuckerbrot oder Peitsche – ja, was denn nun? Über die Frage ob Leckerli ein „Must“ oder ein „No Go“ sind, herrscht ein wahrer Glaubenskrieg. Auch unter unseren Expertinnen und Experten.
Leckerli sind das Salz in der Erziehungssuppe, finden einige. Andere meinen, Belohnung für Pferde mittels Futter würde eine respektvolle Gemeinsamkeit versalzen. Fakt ist, so Verhaltensforscherin Konstanze Krüger, dass die Verwendung von Leckerli immer ein Konfliktpotenzial in sich berge. Vor allem deswegen, weil in der Natur kein Pferd einem anderen Pferd ein Leckerli zustecke, um ein positives Verhalten zu belohnen. „Die einzige Situation, in der ein Pferd einem anderen Nahrung zukommen lässt, ist die säugende Mutterstute mit Fohlen.“
Von „richtig“ oder „falsch“ möchte die Professorin nicht sprechen, „da gibt es ja Glaubenskämpfe zwischen den verschiedenen Ansätzen“. Aber eines muss klar sein: Massives Betteln nach Futter darf bei dominanten Pferden nicht
zu einem gefährlich werdenden Ein fordern von Leckerli führen, womöglich begleitet von beißen oder anrempeln. „Dann muss das Futter sofort weg sein“, unterstreicht die Verhaltensforscherin.
Wohfühlatmosphäre: Belohnung für Pferde
Andererseits könne Futter bei ängstlichen, unsicheren Pferden beruhigend wirken. Man erzeuge so eine „positive Stimmung“. Dabei dient Futter weniger als Belohnung als vielmehr dazu, Spannung abzubauen. Ein weiteres Beispiel positiver Verstärkung sei beispielsweise ein Hafereimer am Ende einer Freispringgasse. Das Pferd lernt: Die Aufgabe besteht darin, flüssig zu springen und anschließend weiter zu galoppieren. Ist das alles erfüllt, wird mit Futter belohnt und Ruhe kehrt ein.
Stefan Schneider zählt nicht zu den dogmatischen Leckerli-Ablehnern. Auch er hat gute Erfahrungen mit der Belohnung durch Futter gemacht bei Pferden, die vom Typ her eher schüchtern sind. „Ist ein Leckerlikandidat, sage ich da immer.“ Bei solchen Pferden geht es darum, Vertrauen zu schaffen: „Jeden Tag soll einer in die Box gehen, klopfen, Leckerli geben.“ Das derart mental gestärkte Pferde kann dann, „vielleicht erstmal in eine kleine Wallachgruppe, dann peu à peu in die Herde integriert werden“, so Schnei der. Mag das Pferd auch introvertiert bleiben, mit vertrauensbildenden Maßnahmen werden diese Pferde „normaler“. Aber auch bei Leckerli gilt: „Klare Regeln schaffen Vertrauen.“
Loben? Pause ja, Zucker nein
Bernadette Brune hat eine andere Herangehensweise: „Ich gebe keine Leckerlis, auf keinen Fall. Das beste Lob ist die Pause.“ Das würden die Pferde schnell verstehen, es sei eine Art positive Energie, die beim Pferd eine Erwartungshaltung erzeuge: „Oh, was machen wir heute? Geht’s jetzt los?“ Das sei sehr motivierend, so die Reiterin, die sowohl 1,60 Meter Parcours als auch Grand PrixPrüfungen erfolgreich absolviert hat. „Die wollen dann wirklich etwas machen. Die wissen, sie bekommen gleich ein Lob.“
Aber ganz ohne Leckerli, muss die Wahl-Norddeutsche gestehen, komme auch sie nicht aus. „Nur vorm Reiten, um das Maul etwas locker zu machen. Dabei lege ich die Hand zwischen die Augen zur Entspannung.“ Ihr Herzenspferd kenne den Ablauf vielleicht etwas zu gut, muss Brune zugeben: „Eine Stute von mir hat sich leider angewöhnt, ihren Kopf gegen den Sattel zu halten, wenn ich vorher nicht mit ihr gekuschelt und ihr Zucker gegeben habe. Das darf natürlich auch nicht sein. Aber das finde ich so witzig, dass ich ihr das durchgehen lasse.“
Stimme und Klopfen: Belohnung für Pferde

Mit bis zu 18 Hengsten ist Jana Mandana Lacey-Krone in der Manege. Präsenz und Leckerli sind ihre Maximen. (© Circus Krone)
Wenn Jana Mandana LaceyKrone die Zirkusmanege betritt, dann ist sie umringt von Männern. Stuten gibt es im Circus Krone nicht. Dafür jede Menge Hengste – sie hat schon 18 gleichzeitig in der Manege gehabt – und noch mehr Leckerli. „Sie sind als Belohnung für uns wichtig, ich gebe aber immer viel zu viel. Das ist nicht gut, weil die Pferde so verzogen werden“, schmunzelt die Tierlehrerin.
Bei aller Menge an Leckerli hat sie eine klare Prioritätenabfolge: „Zunächst wird mit Stimme und Freude belohnt. Das kann gerne übertrieben klingen. Nach dem Lob per Stimme wird geklopft und gestreichelt. An der Brust oder am Hals. Jedes Pferd hat so seine Lieblingsstellen. Erst dann kommt das Leckerli. Die Pferde verstehen das. Sie müssen aber wissen, dass sie einem nicht in die Tasche kriechen.“
Alles auf Anfang
Jana Mandana Lacey-Krone arbeitet mit Gruppen, mit Pferden, die sich schon lange kennen. Was nicht heißt, dass es unter Kollegen nicht auch mal Stunk gibt, erinnert sich die Tierlehrerin: „Ich habe eine Freiheitsdressur. Fünf Hengste in der Manege, alle über 20 Jahre alt, einer wollte es beweisen und geht beim Einfädeln auf den anderen los. In der Vorstellung wissen sie genau, dass da nicht die Zeit ist, das zu korrigieren. Also müssen sie daran im Training erinnert werden. Das ABC muss immer wieder abgefragt werden. In der Freiheitsdressur heißt das: Stehen, Rückwärtstreten, Kommen, „an Platz“ gehen, wenn es so nicht klappt, dann auch wieder mit einem, der führt. Fazit: Die Pferde versuchen es immer wieder aufs Neue. Da hilft nur Neustart, Lektion 1, Benehmen für Anfänger.
TIPPS VON DER TIERLEHRERIN
Hände weg vom Handy! Die Konzentration ist immer zu 100 Prozent beim Pferd
Mitdenken! Vorausschauend agieren, Konflikte gar nicht erst entstehen lassen, ohne selbst unsicher oder gar ängstlich zu handeln.
Erst loben, dann das Leckerli! Klopfen und streicheln – an den Stellen, die das individuelle Pferd besonders mag – und loben mit der Stimme kommen zuerst. Erst dann gibt es das Leckerli, das nicht eingefordert werden darf.
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