Rückenschmerzen, weil sich die Dornfortsätze berühren – KISSING SPINES sind zu einer Art „Volkskrankheit“ geworden. Zwar lässt sich der Engstand der Dornfortsätze nicht beheben, aber mit Massage, gezieltem Training und weiteren Tricks verschwinden die Schmerzen oft.
SYMPTOME des Pferdes DEUTEN
Manche Pferde widersetzen sich bei der Arbeit oder zeigen deutliche Rückenschmerzen schon beim Aufsatteln. Andere machen einfach nicht so gut mit im Training und bei manchen wird das Problem nur auf Röntgenbildern sichtbar – Kissing Spines äußern sich recht unterschiedlich. Bei betroffenen Pferden stehen einige Dornfortsätze der Rückenwirbel zu nah beieinander und berühren sich. Entzündungen der Knochenhaut in diesem Bereich können die Folge sein. Eine schmerzhafte Angelegenheit, so dass das Pferd durch Anspannen der Rückenmuskeln versucht, dem Schmerz auszuweichen. Die Folge: Auf den Knochenschmerz folgen nach einiger Zeit Rückenschmerzen. Das Pferd schwingt nicht mehr im Rücken und die Dornfortsätze bleiben auf Tuchfühlung – ein Teufelskreis.
Das Verhalten des Pferdes ist ausschlaggebend dafür, wie es behandelt und trainiert werden sollte. Zwar geben Röntgenbilder eine exakte Auskunft darüber, wie eng die Dornfortsätze stehen oder ob es bereits Verknöcherungen gibt – was für Osteopathen wichtig ist, da verknöcherte Wirbel nicht mobilisiert werden dürfen -, entscheidend fürs Reiten ist jedoch, wie das Pferd mit den Kissing Spines umgeht.
Das bestätigt Tierärztin Dr. Annette Wyrwoll. Ihr Vielseitigkeitspferd Bantry Bay, mit dem sie 2000 an den Olympischen Spielen in Sydney teilgenommen hatte, litt an Kissing Spines. „Seine Röntgenbilder waren eine Katastrophe. Er hatte überlappende Dornfortsätze, eine Zyste und vieles mehr.“ Trotz dieser Diagnose lief er jahrelang im großen Sport, war bis zum Alter von 28 fit. Der Rat der Tierärztin: Der Reiter muss fühlen, ob und wie er sein Pferd reiten kann. Es gibt keine gesicherten Zusammenhänge zwischen den Rücken-Röntgenbefunden und der Reitbarkeit.
TESTEN, OB DER RÜCKEN SCHMERZT
Wenn das Pferd den Rücken aufwölbt, gehen die Dornfortsätze auseinander – aus diesem Grund ist es wichtig, dass das Pferd über den Rücken geritten wird. Das Aufwölben ist nur möglich, wenn der Rücken schmerzfrei und der Muskel entspannt ist.
Test: Nehmen Sie einen stumpfen Holzstab oder Ihre Fingerspitzen und fahren Sie damit an der Mittellinie des Bauches entlang – von vorne nach hinten oder umgekehrt. Dies löst einen Reflex aus: Das Pferd wölbt die Wirbelsäule im Bereich der Sattellage und Lendenwirbel auf. „Legt es die Ohren an oder sinkt in den Knien ein, so hat es Schmerzen und ist nicht in der Lage, den Rücken aufzuwölben“, erklärt Osteopathin Beatrix Schulte Wien. In diesem Fall darf das Pferd nicht geritten werden! Ziehen Sie einen Tierarzt, Pferde-Physiotherapeuten oder -Osteopathen hinzu!
RÜCKENMUSKEL LOCKERN: Kissing Spines
Kann das Pferd den Rücken aufwölben, ist das die halbe Miete. Als nächstes muss geprüft werden, ob der Rückenmuskel locker ist. Damit die Dornfortsätze auseinander gehen, muss das Pferd den Bauchmuskel anspannen und den Rückenmuskel, entspannen und dehnen.
- Therapeuten können mit verschiedenen Geräten wie etwa dem Therz-Matrix den Muskel lockern. „Es ist sinnvoll, Therapeuten zu Rate zu ziehen, da diese auch umliegende Gelenke lösen“, empfiehlt Beatrix Schulte „Kissing Spines haben Auswirkungen auf den gesamten Körper. Das Pferd kompensiert Probleme im Rücken, so dass auch andere Stellen gelockert werden müssen.“
- Gut geeignet ist die Massagetechnik Friktion: Mit den Fingern oder dem Handballen in kleinen kreisenden Bewegungen mit leichtem Druck über das Fell reiben. Die dadurch entstehende Wärme soll den Muskel lösen.
- Übung für den Rückenmuskel: Nehmen Sie im Wechsel jeweils ein Vorderbein in beide Hände und führen Sie es gefühlvoll in Richtung Hinterbein. Führt man das Vorderbein nach hinten, bewegt sich das Schulterblatt nach vorne und das Pferd wölbt den Rücken auf und dehnt den Hals. Um den hinteren Rückenbereich zu dehnen, werden die Hinterbeine im Wechsel vorsichtig nach vorne geführt.
- Vor dem Reiten ist feuchte Wärme gut! „Am besten nimmt man ein feuchtes Handtuch, breitet dieses auf den Rücken im Bereich der Brustwirbel aus und legt darauf eine Wärmflasche. Nach 15 bis 20 Minuten entfernen und sofort die Satteldecke aufs Pferd legen.“
Kissing Spines: SATTELLAGE ÜBERPRÜFEN
Dass der Sattel optimal sitzen muss, versteht sich von selbst. Bei Pferden mit Kissing Spines sollte er außerdem sehr weich gepolstert sein und dazu beitragen, dass der Reiter keinesfalls hinter dem 15. Brustwirbel sitzt. Bei den meisten Pferden mit Kissing Spines liegen die eng stehenden Dornfortsätze im hinteren Bereich des Sattels. Fragen Sie einen Sattler, ob Ihr Sattel diese Bedingung erfüllt.
WENIG GEWICHT IN DEN SATTEL BRINGEN
Um den kritischen Rückenbereich zu schonen, sollte der Reiter zunächst möglichst wenig Gewicht in den Sattel bringen: Also Bügel kürzer schnallen, das Gewicht in die Bügel bringen und mit dem Fußgelenk ab-federn. Leicht einsitzen ist gut. Wenn es der Rücken des Pferdes zulässt, ist ein Wechsel zwischen leichtem Sitz sowie Spring- und Dressursitz optimal – am besten einen flachen Sattel mit wenig Pauschen nehmen. Wenn das Pferd den Rücken gut aufwölben kann und der Bauchmuskel schon trainiert ist, kann der Reiter auch wieder normal einsitzen.
AUSBALANCIERTEN SITZ TRAINIEREN: Kissing Spines
„Der Reiter sollte immer über der Mitte balancieren. Nicht zu weit vorne, sonst belastet er die Vorhand, und nicht zu weit hinten, sonst belastet er die Kissing Spines“, rät Beatrix Schulte Wien. Ihr Tipp: Mit einem guten Reitlehrer am ausbalancierten Sitz arbeiten. „Auch das Reiten mit Franklin-Bällen oder Dehnungs- und Koordinationsübungen vor dem Reiten sind hilfreich, um geschmeidig zu sitzen und schmerzhafte Stellen nicht zu belasten. Bei Reitern ist oft der hintere Oberschenkelmuskel verkürzt. Dies wirkt sich negativ auf das Becken aus: Es kann nicht mehr so locker mitschwingen und behindert das Pferd im Rücken.“ Mit dem Ballimo oder den Franklin-Bällen kann man daran arbeiten.

Einen Franklin-Ball unter den Sitzbeinhöcker legen – das Becken muss mehr bewegt werden, wird lockerer.
Der größte Fehler beim Reiten eines Pferdes mit Kissing Spines: Das Pferd über die Hand zusammenzustellen! Es drückt dabei den Rücken nach unten weg, die Dornfortsätze gehen zusammen und berühren sich eventuell sogar. Schmerzen sind hier programmiert! Das Pferd muss den Hals frei tragen und mit der Hinterhand unter den Schwerpunkt treten können, dann kann es auch unter dem Reiter den Rücken aufwölben. „Der Reiter sollte wie ein Artist auf dem Pferderücken sitzen und nichts mit Kraft machen. Nachgeben und Feinkoordination sind extrem wichtig“ betont Beatrix Schulte Wien.
DAS A UND O: DIE DEHNUNGSHALTUNG
In der Dehnungshaltung kann das Pferd den Hals frei tragen, mit der Hinterhand unter den Schwerpunkt treten und den Rücken aufwölben – nur in dieser Stellung können die Dornfortsätze auseinander gehen, der Rückenmuskel dehnt sich und der Bauchmuskel spannt sich an. Wer nach längerer Schmerz pause des Pferdes wieder mit dem Reiten beginnt, kann Ausritte gut dazu nutzen „Als ich damals Bantry Bay bekam, ritt ich die ersten drei bis vier Monate nur ins Gelände, immer mit anderen Pferden in Begleitung. So lief Benni trotz anfangs mangelnder Losgelassenheit vorwärts und wurde lockerer“, erzählt Dr. Wyrwoll. Vorwärts ist wichtig, denn Losgelassenheit wird durch das rhythmische An- und Abspannen der Muskeln erreicht. Erst wenn diese Losgelassenheit gegeben ist, kann man einen Schritt weiter gehen.
DEN BAUCHMUSKEL STÄRKEN
Viel Galopp und Übergänge Trab-Galopp
„Gerade im Galopp wird die Bauchmuskulatur gefordert“, weiß Beatrix Schulte Wien. „In dem Moment, wenn das Hinterbein nach vorne springt, müssen die Bauchmuskeln besonders arbeiten.“ Aus diesem Grund sind auch das Angaloppieren bzw. Übergänge in den Galopp so effektiv.
Über Stangen und Cavaletti reiten
Durch dieses Training wird zum einen die Losgelassenheit gefördert, aber auch die wichtigen Muskeln gekräftigt. Gerade bei InOuts muss sich die Rücken und Bauchmuskulatur schnell hintereinander beugen und strecken, das kräftigt besonders gut.
Klettern im Gelände
Beim Bergauf Reiten wird das Pferd gymnastiziert und seine Hinterhand wie auch Bauch und Rückenmuskeln werden trainiert. Das Pferd sollte dabei an die Hand herantreten, so dass sich der Rücken beim Klettern aufwölben kann.
GEHLUST MIT KOLLEGEN FÖRDERN
Ein Tipp von Dr.Annette Wyrwoll: Wenn sich das Erarbeiten der Losgelassenheit und der Muskelaufbau schwierig gestalten, weil die Geblust unter den Verspannung leidet, nutzen Sie die den Herdentrieb. Galoppieren Sie in einer großen Halle, auf dem Platz oder im Gelände hinter einem Stallkollegen her.
Aber auch hier darauf achten, dass Ihr Pferd an die Hand herantritt und über den Rücken geht. Wer sein Pferd in einer solchen Situation zu sehr zurückhalten muss, sollte auf den Gruppengalopp verzichten – enges Einstellen verhindert das Aufwölben des Rückens.
GYMNASTIK AN DER LONGE: Kissing Spines
Longieren bietet Abwechslung und das Pferd kann ohne Reitergewicht trainiert werden. Ganz wichtig: Nicht zu eng aus binden, sonst drückt das Pferd den Rücken weg. Es muss Kopf und Hals frei tragen können. Beim gut ausgebildetem Pferd reicht ein Kappzaum, sonst eignet sich ein Gogue oder ein Dreieckszügel. Stangen und Cavaletti tragen dazu bei, dass das Pferd den Rücken vermehrt aufwölben muss und die Bauchmuskeln gekräftigt werden. Außerdem werden Geschicklichkeit und Reaktionsvermögen gefördert.
KURZES KOMBI-TRAINING gegen einseitige Belastung
Wer immer wieder das gleiche trainiert, riskiert zu starke einseitige Belastungen, die zu Schmerzen führen. Dr. Annette Wyrwoll rät deswegen bei Kissing Spines dazu, zum Beispiel das Dressurtraining mit Longieren oder Ausreiten zu kombinieren: „Bei Bantry Bay war ich zum Beispiel 30 Minuten im Gelände traben und galoppieren und bin dann 20 Minuten dressurmäßig geritten. Oder ich habe ihn 15 bis 20 Minuten an der Longe gearbeitet und bin dann 20 bis 30 Minuten Dressur auf dem Platz geritten, gefolgt von kleinen Sprüngen oder einem Spazierritt durch den Wald.“
FÜR PROFIS: SCHONHALTUNG KORRIGIEREN
Manche Pferde laufen aufgrund der Schmerzen schief und gewöhnen sich diese Haltung an. Daran kann man vorsichtig arbeiten, aber erst, wenn das Pferd schon gut trainiert ist – sprich, über einen längeren Zeitraum losgelassen und im Takt geht, die Anlehnung stabil ist und es sicher über den Rücken geht.
Außerdem sollten nur erfahrene Reiter an der Geraderichtung arbeiten – reiterliche Fehler verstärken Rückenprobleme! Zunächst hilft es, viel im Außengalopp zu reiten. Rücken- und Bauchmuskeln müssen dabei immer wieder an- und abspannen. Später kann man auch Seitengänge hinzunehmen.
„Bei meinem Pferd haben vor allem das traversartige Zirkelverkleinern und das schulterhereinartige Zirkelvergrößern viel gebracht“, erinnert sich Dr. Annette Wyrwoll. Ihr Pferd konnte durch diese Übung mehr Last aufnehmen und sich besser ausbalancieren.
WÄRME NACH DER ARBEIT
Wie auch schon vor dem Training sorgt Wärme zum Beispiel über Magnetfelddecken oder Solarien nach der Arbeit dafür, dass die Pferde nicht auskühlen und Stoffwechselprodukte gut abgebaut werden. Die trainierten Muskeln können sich besser regenerieren.
ENTSPANNUNGSEINHEITEN: Auf die Weide
Zu einer artgerechten Haltung gehört Weidegang. Für Pferde mit Kissing Spines ist er eine wahre Wohltat: Beim Umherwandern und Fressen mit gesenktem Kopf wölben sie den Rücken auf, die Dornfortsätze gehen auseinander, und der gestresste Rückenbereich kann sich entspannen.
Kissing Spines: REGELMÄSSIGE KONTROLLEN
Ein Blutbild (mind. im Frühjahr zum Fellwechsel) und eine Rationsberechnung (einmal im Jahr) decken Mängel auf. Der Schmied sollte im Schnitt alle sechs Wochen kommen: Zu lange Hufe verändern das Gangbild, belasten die Gelenke. Bei Bedarf sollte außerdem ein erfahrener Osteopath oder Physiotherapeut das Pferd behandeln. Die Zähne sollten jährlich kontrolliert werden, gegebenenfalls auch der Sattel. Allgemein gilt: Bei Verdacht auf Rückenschmerzen einen Tierarzt und Physiotherapeuten/Osteopathen hinzuziehen.
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